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Die Stadt der Blinden (Review)

von Rauche (18.09.2013)

Punkte:

1 (sehr schlecht) von 5 Punkten

Review:

Der Film "Die Stadt der Blinden" erinnert fatalerweise in mehrerlei Hinsicht an M. Night Shyamalans filmisches Endzeit-Desaster "The Happening": Er steigt ohne Umschweife direkt in die Geschichte ein - schon in der ersten Szene, noch bevor die Hauptpersonen vorgestellt werden, erblindet der erste bzw. bringt sich die erste um - und lässt dann stark und kontinuierlich nach. Aufklärung gibt es keine und die Kritik an der Gesellschaft scheitert grandios aufgrund der Unglaubwürdigkeit des Plots und den klaffenden Logiklöchern.
Aber der Reihe nach: Ohne ersichtlichen Grund erblinden in einer nicht näher beschriebenen Großstadt verschiedene Personen. Eine Erklärung, warum, wird nicht geliefert, das macht aber auch nichts: Bei dem Film handelt es sich offensichtlich nicht um einen Mysterythriller sondern um ein Drama. Wie bei Kafka die Verwandlung dient auch hier die Erblindung nur als Mittel zum Zweck, um gesellschaftliche und soziale Verhältnisse zu kritisieren. Der Grund der Erblindung wird damit völlig irrelevant. So weit so gut, aber die gewollte Kritik und die Schwermütigkeit eines Dramas verpuffen sang- und klanglos. Die Protagonisten handeln völlig irrational und das Drehbuch strotzt vor riesigen Logiklücken, die bisweilen die Grenzen der Lächerlichkeit überschreiten. Das macht ein Mitfühlen und Hineinversetzen in die Lage völlig unmöglich.
In einer Szene, in der eine weitere Gruppe Erblindeter in die Quarantäneanstalt kommen, werden sie von dem erblindeten Arzt derart begrüßt, dass Station 1 die beste wäre, da man hier am nächsten bei der Essenausgabe sei. Einige Szenen später wird gezeigt, wie Station 3 allein über alle Essensvorräte verfügt und diese teuer an andere Stationen verkauft. Nicht nur, dass sich das widerspricht, es ist ohnehin fraglich, wie Station 3 immer an die gesamten Essensvorräte gelangt. Ebenso unerklärlich ist, wie sich die Stationen überhaupt arrangieren können. Station 1 hat trotz der sehenden Frau des Arztes, die sich mit allen Kräften bemüht, arge Probleme sich zurechtzufinden. Auf Station 3 scheint aber gute Laune und Party vorzuherrschen - selbst Sex ist kein Thema. Fraglich ist auch, wie Station 3 innerhalb der Anstalt an einen Revolver gelangen konnte. Absoluter Quatsch ist auch, wie sich die anderen Stationen durch Station 3 ausbeuten und erniedrigen lassen. Auf die Ankündigung, dass das Essen jetzt nur noch gegen Wertsachen ausgegeben wird (Was die Blinden auf Station 3 damit anfangen wollen ist ohnehin fraglich) kommt keine entsetzte und aggressive Reaktion - nein, man fragt ganz höflich, wie teuer denn nun ein Essen sei. Selbst, als alle Wertgegenstände nach logischerweise extrem kurzer Zeit ihren Besitzer gewechselt haben und Station 3 sich nun etwas sagen wir mal unmoralisches hat einfallen lassen, regt sich kein Widerstand. Als einzige nicht Erblindete in dem gesamten Gebäude hätte ich dem Anführer von Station 3 schon längst die Kniffte abgenommen oder ihm zumindest eine schallende Ohrfeige verpasst. Wie kann ein einzelner Revolver überhaupt so viel Angst machen? Viel Munition kann doch gar dabei sein - und selbst wenn: Nach etwas Rumballerei ist sowieso erst mal eine Pause zum Nachladen notwendig. Außerdem ist es für einen sehenden Menschen schon schwierig genug, mit einer Faustfeuerwaffe mehr als 10 Meter geradeaus zu schießen. Wie will denn ein Blinder treffen?
Weitere Unstimmigkeiten schließen sich an: Aus meiner Sicht müsste bei solch vielen zusammengepferchten Menschen mit den gezeigten unzureichenden sanitären Anlagen alles innerhalb kürzester Zeit verkeimen und entsprechende Seuchen ausbrechen. Unser erblindeter Arzt aber sieht bis zum Schluss frisch rasiert und gepflegt aus (Wo kann man hier nochmal seine Wäsche waschen?). Überhaupt dürfte eine solch schwierige Situation, die zusätzlich noch durch Nahrungsmangel gekennzeichnet ist, kaum jemand länger durchstehen, ohne dass es sehr schnell handfesten Konflikten kommt. Einzig der der Dieb, der unanständig genug war, einem Blinden das Auto zu stehlen, will eben diesen Blinden an den Kragen, weil er sich durch ihn vermeintlich infiziert hat.
Äußerst fragwürdig ist auch das Verhalten des ansonsten so moralisch agierenden Arztes. Der poppt mal eben eine erblindete Insassin durch. Nicht nur, dass man in einer solchen schwierigen und insgesamt menschenunwürdigen Überlebenssituation nur schwerlich an Sex denken würde (außer natürlich man gehört zur Partystation 3), der Arzt weiß auch, dass seine Frau sehen kann. Dachte er, sie bekommt von dem Techtelmechtel nichts mit? Was will uns der Film mit einer solchen Szene sagen? Auch der moralischste Mensch begeht in der entsprechenden Situation unmoralische Taten? Ein Mord aus einer Affekthandlung heraus wäre da viel eindringlicher gewesen. Die Sexszene wirkt aber mehr als aufgesetzt.
Überraschend ist auch die Reaktion seiner Frau. Sie nimmt erst mal die Liebhaberin in den Arm, als ob man Mitleid mit ihr haben müsse. Ohnehin ist die Rolle der Arztfrau nicht ganz klar: Handelt sie so aufopferungsvoll, weil sie den Menschen helfen will oder genießt sie insgeheim ihre Überlegenheit, als einzige sehen zu können. Von der Schlusssituation, die ich hier nicht verraten möchte, scheint sie jedenfalls nicht begeistert zu sein.
Feinfühliger schwarzer Humor wäre in dem Film durchaus angebracht, aber die eingeworfene Szene a la "Wer dafür ist hebt die Hand, ach nee, geht ja gar nicht, wir sind ja alle blind - haha" ist deplatziert und lächerlich - genauso wie weitere offenbar zur Auflockerung zusammenhanglos eingestreute gewollt-witzige Szenen.
Insgesamt wirkt der Film, als wenn man einem unmotivierten Hochglanzkino-Spezialisten ein vernünftiges Budget gegeben hätte mit der Aufgabe: "Nu mach mal auf die Schnelle was dramatisches und zerre es auf Spielfilmlänge". Den einen Bewertungspunkt gibt es einzig für Julianne Moore, die sich mit einer guten Darstellung durch ein desaströses Drehbuch quälen muss. Kurzzeitig nimmt man ihr die Rolle sogar ab und fühlt tatsächlich Sympathie für die Überfrau. Retten kann sie den Film aber nicht - einen Film, bei dem man getrost mal für eine halbe Stunde kacken geh’n kann, ohne etwas zu verpassen.